

Die 38. Internationalen Bach-Tage in Hessen und Thüringen – Passion und Ostern 2011 – bringen aus dem Gesamtschaffen zu J. S. Bachs vier Programme:
Antonín Dvořáks anderthalbstündiges „Stabat mater“ für vier Solisten, Chor, Orchester und Orgel wurde am Vorweihnachtstag 1880 in Prag uraufgeführt. 1883 feierte es in London Triumphe, wo Dvořák selber 1884 in der Royal Albert Hall eine Aufführung dirigierte - mit einem Riesenorchester und einem 850-köpfigen Chor. 1885 eroberte das Werk die Hauptstadt der USA.
Skizziert hatte Dvořák das Werk 1876 nach dem Tod seiner neugeborenen Tochter Josefa. Über ein Jahr blieb es liegen; dann, nachdem ihm im August 1877 erst die elfmonatige Ružena und an Dvořáks 36.Geburtstag der dreijährige Sohn Otakar gestorben waren, vollendete der Komponist die Partitur in nur zwei Monaten.
Dvořáks Vertonung gab dem lateinischen Reimgebet von den Leiden der Gottesmutter bei der Kreuzigung ihres Sohnes eine neue Dimension. Monumental und ziseliert, düster, demütig-meditativ und ekstatisch zugleich zählt sie zu den „ergreifendsten geistlichen Werken der Musikliteratur der Welt“ (O. Sourek).
J. S. Bach, Englische Suiten / Christoph Bergner, Cembalo
Was wir als die sechs „Englischen Suiten“ kennen, hieß bei Bach selber „Suites avec Préludes“ (Suiten mit Vorspielen) oder gar „Préludes avec leurs Suites“ (Präludien mit ihren Suiten). Die zuweilen ausgedehnten Vorspiele, die Bach den Folgen stilisierter Tänze voranstellt,
sind von ernstem Charakter und tragen die Züge der „Fantasia“ (Suite 1), des konzertanten Stils (Suite 3) oder der Fuge (Suite 5). Ernst sind auch die Tänze selber, bei deren Sarabanden man zuweilen an Trauerchöre von Passionen denkt („Ruhet wohl“). Viele der Tanzsätze hat Bach doppelt komponiert („Doubles“), und jede Suite endet mit einer Gigue, fugenartig durchgestaltet und von beträchtlicher pianistischer Schwierigkeit. Aus dem Ernst aber leuchten schlichte Volkstänze hervor wie die Bourreen I und II der ersten, die Gavotten der dritten und die Passepieds der fünften Suite. Wer zu lauschen versteht, dem wird auch der Dudelsack-Bordun einer „Gavotte ou la Musette“ nicht entgehen.
J.S. Bach, Sonaten und Partiten für Violine / Laura Zarina
Bachs sechs Sonaten und Partiten für Violine solo entstanden von Bachs Weimarer Zeit (1703) bis zu seinen Hofkapellmeisterjahren in Köthen (1720). Sie blieben zu seinen Lebzeiten ungedruckt. Nach Bachs Tod verstreuten sich die Autographe bis in Stöße St. Petersburger Altpapiers. Ihre Auferstehung verdanken die Meisterwerke dem Geiger Joseph Joachim. Seitdem kommt kein Geiger mehr an ihnen vorbei.
Bach, selber ein Meister des Instruments, hat an Kunst des Doppelgriffspiels seine sämtlichen Zeitgenossen übertroffen. Seine „Sonaten“ enthalten als jeweils zweiten der vier Sätze eine Fuge, von denen die wohl kunstvollste, mit dem Choralthema „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“, in BWV 1005 zu hören ist. – Die Partiten sind Folgen höfischer Tänze (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue), denen Bach in der Partita d-Moll das Wunderwerk seiner Chaconne anhängt: auf vier Saiten ist eine ganze Welt eingefangen.
Österliche Kantaten von J. S. Bach
Aus dem Schatz Bach‘scher Osterkantaten erklingen im IV.Konzert zwei Leipziger Kompositionen: BWV 169, „Gott soll allein mein Herze haben“ mit der berühmten Alt-Arie „Stirb in mir, Welt“, sowie BWV 6 mit der eindringlich wiederholten Chor-Bitte „Bleib bei uns, denn es will Abend werden.“ Eine dritte Osterkantate, BWV 31, komponiert in Weimar 1715, wird ausschnittweise vorgestellt.
Zum reichen obligaten Instrumentarium der Kantaten kontrastiert die A-cappella-Strenge der Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“, BWV 230, mit ihrem vierstimmigen Alleluja-Jubel.
Eine Rarität schließt das Programm ab: eine Osterkantate (KK 160, „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“) von Georg Philipp Telemann, den uns Siegfried Heinrich schon 1973 – durch die CD-Einspielung der „Lukas-Passion“ von 1744 - als einen noch zu entdeckenden Großmeister ans Herz gelegt hat.
Die Internationalen Bach-Tage in Hessen und Thüringen, die schon lange vor der Wiedervereinigung stattfanden, wurden wegen des Brückenschlags nach Thüringen und Sachsen gerühmt. Der Leipziger Thomanerchor und der Dresdner Kreuzchor waren zu Gast in Hessen, andererseits das Hessische Kammerorchester Frankfurt (M.) mit Bachs „Kunst der Fuge“ in der Nikolai-Kirche Leipzigs und in der Lukas-Kirche Dresdens.
Nach der Wiedervereinigung setzten sich besonders die Ministerin Ruth Wagner (Wiesbaden) und die Ministerin Dagmar Schipanski (Erfurt) für die Erhaltung der „Internationale Bach-Tage Hessen-Thüringen“ ein, nicht nur aus künstlerischen Gründen , sondern auch um die bei vielen Menschen noch bestehende Abgrenzung zwischen Ost und West überwinden zu helfen.
Der Kreis der Mitwirkenden umfasste nun Ensembles aus dem europäischen Raum: Tölzer und Posener Knabenchor, Posener Bach-Chor, Orchester aus Tschechien, Polen und Ungarn.
Die künstlerische Gesamtleitung hat Prof. Siegfried Heinrich, der das Werk J. S. Bachs als Kruzianer (in Dresden und Leipzig) in Interpretationen von Straube, Ramin, Mauersberger sowie als Student (in Frankfurt am Main) bei Helmut Walcha, Maria Jäger-Jung und Kurt Thomas kennenlernte.
Über seine Bach-Interpretation schrieb die Musikzeitschrift Müsogfüzet Országos Filharmonia, Budapest: „Siegfried Heinrich ist ein hervorragender Kenner des Bachschen Stils. Unter seiner Leitung lebte und atmete die Musik. Solche in der Erfüllung und Beseelung überzeugenden, dabei rhythmisch-agogisch gleichwohl gemeisterten Bachsätze sind selten zu hören“.
Und über ein Konzert des Frankfurter Bachchores urteilte die Frankfurter Rundschau: „An Professionalität kann es das Ensemble auch mit berühmten englischen Formationen aufnehmen. Eine lupenreine, mühelose Intonation bleibt selbst dann noch erhalten, wenn die 22 Sänger/innen sich zum Doppelchor formieren müssen“.
Viele ehrenamtliche Helfer haben sich in mehr als 30 Städten Hessens und Thüringens in den Dienst des Werkes von J. S. Bach gestellt und damit zahlreichen Zuhörern Freude und Lebenshilfe vermittelt. Die Zusammenarbeit von Künstlern verschiedener Länder erbrachte hervorragende Aufführungen und trug zur Verständigung und Aussöhnung bei. Werkseinführungen vertiefen das Hörerlebnis. Die Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern vermittelt Bachs Schaffen auch nachfolgenden Generationen.
Willkommen zu den 38. Internationalen Bach-Tagen
in Hessen und Thüringen 2011